KennstDuEinen Blog

Google „City Experts“: Mehr Bewertungen dank Gewinnspielen?

Das Einsammeln von Bewertungen ist in vielen Branchen nach wie vor nicht einfach. Für den Nutzer stellen authentische Bewertungen jedoch ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der lokalen Branchensuche dar, weswegen Google nun frei nach dem Motto "mehr ist mehr" im Rahmen des "Google City Experts" Programm ein wenig das Bewertungsvolumen anzukurbeln versucht. Haben vor kurzem noch "Beer & Bacon" ausgereicht um die Nutzer zu mehr Reviews zu motivieren, schickt sich das Unternehmen aus Mountainview nun an, das global organisierte "City Experts" Programm ins Leben zu rufen. Fragwürdig ist jedoch der Umstand wie diese Bewertungen zustande kommen, denn entgegen den eigenen Richtlinien für Bewertungen verschenkt Google für ausgewählte Nutzer nun regelmäßig attraktive Sachpreise. Der Artikel beleuchtet daher offene Fragen und kritische Aspekte, die mit dieser Initiative einhergehen.

Geschrieben am von

Google City Experts

Das Bewertungsportal Yelp hat’s vorgemacht: Seit der Etablierung des sogenannten „Yelp Elite Squad“ steigert sich das kurzfristig aufbrandende Momentum um aktuell angesagte Bars, Cafés und Taco Läden ins hysterische. Restaurants, die von den „Elite-Yelpern“ positiv besprochen werden, können sich vor dem sich daran anschließenden Besuchersturm kaum retten.

Umgekehrt reichen in den US bisweilen ein paar wenige negative Reviews der elitären Bewertungstruppe auf Yelp, um einen Laden in den Konkurs zu treiben.

Auch über die Verkaufsmannschaft von Yelp gibt es in den US immer wieder Zweifelhaftes zu lesen, weshalb sich dort mittlerweile auch schon Communities für lokale Kleinunternehmer wie beispielsweise http://yelp-sucks.com und viele mehr gebildet haben.

Einen weiteren Kritikpunkt aus Sicht der lokalen Kleinunternehmer in den US – unter etlichen anderen – bietet in diesem Zusammenhang auch der umstrittene „Review-Filter“, der „zuverlässig“ dafür sorgt, dass v.a. die positiven Kundenmeinungen nicht online erscheinen, obwohl diese in häufigen Fällen tatsächlich echte Bewertungen sind.

Um es mit den Worten von Spidermans Ziehvater Ben Parker zu sagen:

aus großer kraft folgt große verantwortung

Mit diesen Worten möchte ich nun aufzeigen, wie Google sich anschickt auf den Fußspuren von Yelp zu wandeln und dabei zielsicher in die gleichen problematischen Fettnäpfchen stapfen wird, die mit dem Betreiben eines Bewertungsportals mit dem Fokus auf „Essen, Trinken & Lifestyle“ einhergehen.

„Elite“ kommt nicht umsonst von „elitär“

Es ist ein alter „Trick“ beim Aufbau von Online-Communities: Man versorgt aktive Nutzer einerseits per Gamification mit Badges, Trophäen, Sigeln und weiteren visuellen Erkennungsmerkmalen, die sie von den „normalen“ Nutzern hervorheben – andererseits lockt man diese noch zusätzlich mit besonderen Vergünstigungen, Geschenken, Einladungen zu Events u.v.m.

Im Umkehrschluss fühlt sich die derart umworbene Truppe weiterhin „motiviert“ genug, um für einen regelmäßigen Zustrom an aktuellen Bewertungen für meist neue, angesagte Locations zu veröffentlichen.

Und schon steckt man mitten in der Debatte: Ist es sinnvoll einen exklusiven Kreis an „bezahlten“ Autoren regelmäßig quer durch die Stadt zu schicken, um dort „nach dem Rechten zu schauen“?

Wie wir aus Untersuchungen wissen sorgt bereits ein negativer Kommentar in Online-Diskussionen dafür, dass die Leser den Inhalt des Textes deutlich kritischer und negativer rezipieren.

Was für Auswirkungen hat das auf neu gegründete lokale Unternehmen? Darf es sein, dass ein paar miese Bewertungen von „Elite-Yelpern“, die möglicherweise mal mit dem falschen Fuß aufgestanden sind dafür sorgen können, dass der Laden den Bach runtergeht?

Yelp Elite

Ist es sinnvoll von Portalbetreibern in einem kleinen Kreis von Nutzern für ein übersteigertes Selbstbewusstsein zu sorgen, dass stetig durch vielfältige Incentivierungs-Maßnahmen bei Laune gehalten wird? Was hat das unter Umständen für Auswirkungen auf den Inhalt derartiger Elite-Bewertungen?

Wie es auf den exklusiven Yelp-Elite Parties ausschaut kann man im dem aussagekräftigen Beitrag „What it’s like being an outsider invited inside the Yelp Elite circle“ nachlesen. Angesichts der Schilderung verwundert es nicht, dass einige Mitglieder dieses elitären Zirkels ein wenig die Bodenhaftung verlieren…

„Werde Google City Experte!“

Wie bereits angedeutet, geht Google nun den selben Weg wie Yelp, um das Bewertungsvolumen auf Google+ Local in ausgewählten Städten weltweit ein wenig anzukurbeln.

Unter der URL https://www.google.com/local/contest/cityexpert kann man sich als Google Nutzer direkt bei dem Programm anmelden, dass derzeit in den Städten Austin, Birmingham (UK), Bristol (UK), Chicago, Edinburgh, London, Madrid, New York, Osaka, Paris, Phoenix, Portland (OR), Raleigh-Durham, San Francisco, Sydney und Tokyo an den Start gebracht wird.

Erinnert sich eigentlich noch jemand von Euch an „Google Hotpot“?

Kommen Euch vielleicht auch noch die „Google City Pages“ bekannt vor?

Man muss diese einzelnen Schritte in jedem Fall als Vorstufe von der Entwicklung des lokalen Google Branchencenter, über Google Places hinweg zu Google+ Local vestehen:

Vom klassischen Branchenportal, zu einem Branchenportal mit Bewertungsfunktion, bis hin zu einem vollwertigen Bewertungsportal, dass in der Lage sein soll, den Hype um frisch eröffnete Läden zu entfachen.

Das nun in die Wege geleitete „City Experts“ Programm soll explizit dafür sorgen, dass möglichst viele aktuelle und auch unbedingt umfangreiche Bewertungsinhalte auf Google online gestellt werden.

Wie wird man „Google City Expert“?

Um einer der anerkannten „Google City Experte“ zu werden, ist es notwendig, dass man bereits 50 „high quality“ Bewertungen auf Google+ Local veröffentlicht hat. Weiterhin ist es notwendig mindestens fünf Bewertungen pro Monat online zu stellen, die den maximalen Qualitätskriterien standhalten.

Welche Kriterien das sind hält Google gar nicht mal so offen, wie man dies der dazugehörigen „Google City Expert FAQ“ entnehmen kann:

What do you mean by High Quality Reviews?

A high quality review is usually three to four sentences long and contains specific, helpful and balanced information about a particular business. For more information on how to write a great review, please see our Help Center.

Was für Vorteile hat man als „Google City Expert“?

Mitglieder des elitären Zirkels erhalten Einladungen zu „City Expert“ Gruppen-Events sowie Schulungen im Umgang mit Google Maps und Google+ Local.

Darüber hinaus erhält man den monatlichen „City Expert Newsletter“, in dem allerhand mit dem Google-Schriftzug verzierte Gimmicks, spezielle Online-Kampagnen, Wettbewerbe und Einladungen zu besonderen Veranstaltungen in der Umgebung des jeweiligen „City Expert“ kostenfrei angeboten werden.

Wie funktioniert das „Google City Experts“ Gewinnspiel?

Damit das ganze Thema ein wenig an Schwung gewinnt hat Google nun zu einem Wettbewerb aufgerufen, in dem der Gewinner ein Chromebook 11 im Wert von $279 US$ gewinnen kann.

Google stellt dabei folgende Kriterien für Bewertungen auf:

  • Originalität – wie kreativ und originell ist der Stil der Bewertung
  • Stimmung vor Ort auffangen – wie gut wird die Atmosphäre beschrieben?
  • Individuelle Perspektive – wird aus einer individuellen oder aus verschiedenen Sichtweisen bewertet?
  • Schreibstil – wie gut ist die Bewertung geschrieben?

Je mehr desto besser!
Google weist im Zusammenhang mit diesem Wettbewerb an etlichen Stellen darauf hin, dass jede einzelne Bewertung dafür sorgt, dass sich die Chancen des Bewertenden erhöhen, einen der Wettbewerbspreise abzuräumen.

Google City Experts Gewinnspiel

Wie sinnvoll ist diese Initiative? Welche Gefahren gehen damit einher?

Entgegen den eigenen Richtlinien Bewertungen mit Sachpreisen belohnen?
Angesichts der von Google veröffentlichten Richtlinien für Bewertungen auf Google+ Local ist es fragwürdig, dass sich das Unternehmen nun anschickt in einem großen Maßstab Geschenke im Gegenzug für frische Bewertungsinhalte zu verteilen.

„(…) Don’t offer money or product to others to write reviews for your business or write negative reviews about a competitor. We also discourage specialized review stations or kiosks set up at your place of business for the sole purpose of soliciting reviews. As a reviewer, you should not accept money or product from a business to write a review about them. (…)“

Wie in meinem kürzlich veröffentlichten Beitrag „Google verstößt gegen eigene Richtlinien & “erschleicht” sich Bewertungen von Nutzern“ bereits angedeutet, ist es in meinen Augen problematisch nach außen hin andere Maßstäbe an den Tag zu legen, als für sich selbst…

Eine derartige Verhaltensweise führt zwangsläufig zu Unglaubwürdigkeit!

Klar kann Google als Unternehmen in der freien Wirtschaft (fast) machen was es möchte, wie mir dies auch in Form von etlichen Leserkommentaren zu meinem vorgenannten Beitrag nahegelegt wurde.

Ich möchte einer derartigen Sichtweise jedoch explizit widersprechen, weil auf der Grundlage von für alle Seiten verbindlichen „Richtlinien“ auch eine gewissen wirtschaftliche Moralität und Integrität gefördert wird.

Konterkariert jedoch Google die nach außen kommunizierten „Richtlinien“ durch ein Verhalten, dass diesen glasklar zuwiderläuft, so wird Spam, Manipulation, gefälschten Bewertungen und mutwilliger Rufschädigung Tür und Tor geöffnet!

Massenhaft Bewertungen?
Darüber hinaus sorgt der Hinweis „jede einzelne Bewertung erhöht die Gewinnchance“ leider dafür, das ganz sicher eine Vielzahl von frei ausgedachten, eventuell von anderen Bewertungsportalen kopierten oder irrelevante Reviews in Massen von den Nutzern online gestellt werden, die heiß auf einen der angepriesenen Gewinne sind.

Gerade vor dem Hintergrund, dass etliche lokale Unternehmen und Dienstleister noch lange nicht im Web zu Hause und oftmals mit dem Thema Online-Bewertungen noch recht überfordert sind, ist es durchaus fragwürdig, dass Google – für viele weltweit die alternativlose Suchmaschine – recht einseitig seine Nutzer per Gewinnspiel „vor den Karren spannt“ um massiv Bewertungen anzuhäufen.

Angesichts der zahllosen technischen wie strukturellen Probleme auf Google+ Local bzw. Google Places bei der Erstellung und Verwaltung von Firmen-Einträgen, verwundert es mit welch unangebrachtem Selbstbewusstsein Google einmal mehr mit den lokalen Kleinunternehmern genau diejenigen im Regen stehen lässt.

Betroffen sind demnach die Kleinunternehmer und lokalen Anbieter, die künftig eigentlich das Geld in die Kasse von Google spülen sollen (Vgl. auch „Google AdWords Express„) – also jene aktive Nutzergruppe, die sich seit Jahren mit unerledigten Problemen auf Google Places bzw. neuerdings Google+ Local herumschlägt.

„Von oben herab…“
Übrigens: Wer ein Mal ein paar Elite-Bewertungen auf Yelp.com angeschaut hat, der wird dabei nicht umhin kommen festzustellen, dass der „Elite-Zwang“ möglichst detailliert und umfangreich zu bewerten bisweilen dazu führt, dass der Bogen vollkommen überspannt wird. Mit einer teilweise „oberlehrerhaften“ Pedanterie werden dabei kleinste negative Aspekte zu groben Fehlern des Anbieters aufgebläht, nur um dem Anspruch zur kritischen Elite zu gehören gerecht zu werden.

Vor einer derartigen Entwicklung dürfte auch das „Google City Experts“ Programm ggf. nicht gefeit sein…

Fake-Reviews bleiben problematisch…
Abschließend möchte ich in diesem Zusammenhang noch ergänzen, dass Bewertungen ein einflussreiches Local SEO und Marketing-Instrument für lokale Unternehmen darstellen, weswegen es selbstverständlich wichtig ist, dass Portalbetreiber dafür sorgen müssen, dass einerseits kritische Aussagen von Nutzern ebenso online auftauchen, wie auch offensichtlich gefälschte Bewertungen wieder offline genommen werden, um ein möglichst objektives Bild über den jeweiligen Anbieter wiederzugeben.

Auch auf unserem Bewertungsportal KennstDuEinen tummeln sich immer mal wieder Unternehmer, bzw. deren Dienstleister, die versuchen den Nutzern die eine oder anderen frisierte Bewertung unterzujubeln und die wir nicht erfolgreich als Fälschung entlarven.

Und ehrlich gesagt: Einen 100%igen Schutz vor derlei Manipulationen gibt es nicht, ganz gleich ob man die Mail-Adressen der Nutzer und die IP-Adressen bei der Veröffentlichung der Bewertungen abgleicht (wie z.B. auf unserem Bewertungsportal) oder versucht das Problem algorithmisch anhand gewisser Kriterien im Bewertungstext zu lösen (Yelp & Google)…

… es schlüpft immer mal wieder eine manipulierte Kundenmeinung durch die Maschen. Abhilfe schafft nur ein Blick auf die Anzahl der Bewertungen, denn wer als Nutzer mal über eine Vielzahl von Bewertungen querliest, der ist durchaus in der Lage „die Spreu vom Weizen zu trennen“.

Angesichts dieser Problemlage ist es daher nicht unbedingt zielführend die Nutzer zu massenhaften Bewertungen zu motivieren, da die Versuchung bei attraktiven Gewinnen selbstverständlich für einige groß genug sein wird, sich einfach ein Review auszudenken.

Bewertungen Empfehlungen und Reviews

Fazit

Das „Google City Experts“ Programm imitiert das „Yelp Elite“ Programm des tonangebenden Bewertungsportals in den US um gezielt für mehr Bewertungen weltweit zu sorgen. Mit der Schaffung einer elitären Truppe an Bewertenden geht jedoch nicht ungerechtfertigt stets der Vorwurf von „Dünkel“ und „Eigennutz“ einher, was nicht unbedingt dafür sorgt, dass Bewertungen als objektiv bezeichnet werden können.

Bereits etwas problematisch ist zunächst schon die Tatsache, dass Google Geschenke, Einladungen und weitere Goodies an die aktivsten Google+ Local Nutzer verteilt – definitiv kritisch muss jedoch das derzeit ausgerufene Gewinnspiel für die „City Experts“ betrachtet werden, da die Teilnahmebedingungen eindeutig das Aufkommen von massenhaft irrelevanten, ausgedachten und damit unglaubwürdigen Bewertungen befördern.

Als Betreiber der weltweit bekanntesten Suchmaschine und mit dem Ziel vor Augen bald schon auch den lokalen Suchmarkt zu dominieren, sollte sich Google der Verantwortung bewusst sein, die mit dieser marktbeherrschenden Position einhergeht:

Um nachhaltig erfolgreich zu bleiben und dem seinerzeit bei der Gründung formulierten Motto „Don’t be evil“ auch weiterhin gerecht zu werden, sollte sich Google wieder auf seine DNA zurück besinnen, die als neutrale Suchmaschine ihren Anfang genommen hat.

Aber eigentlich muss man auch die Zeichen der Zeit erkennen: Eine Suchmaschine, die sich seit einigen Jahren anschickt einen Sektor im Web nach dem anderen strukturell zu beherrschen sowie wirtschaftlich zu dominieren und die dabei bestrebt ist sämtliche Wettbewerber zu marginalisieren, indem deren Initiativen plump kopiert werden, ist schlicht nicht mehr neutral.

Alle Versuche von Google nach Außen hin dennoch zu demonstrieren man sei noch immer der sympathische „underdog“ verlaufen m.E. künftig immer häufiger im Sand, da sich Google ohnehin nicht so verhält, wie es das selbst aufgestellte Regelwerk eigentlich verlangen würde…


Einen Kommentar schreiben